Die Hirtenstraße ab dem Jahr 1900

Anfang des 20. Jh. vollzogen sich die wohl gravierendsten Änderungen im Erscheinungsbild der Hirtenstraße und der umliegenden Gegend.

1905 - 1907
Logierhaus Centrum, Hirtenstraße 11/Grenadierstraße 40 um 1905 1905 begann der systematische Abbruch des Scheunenviertels und umliegender Gebäude. Als Grund wurden die unhaltbaren Zustände in diesem Gebiet genannt: beengte Wohnverhältnisse, Kriminalität und Prostitution.
Andererseits wollte man den Weiterbau der Kaiser-Wilhelm-Straße forcieren und den Bau der U-Bahn nach Pankow vorbereiten. In der kleinen Karte zur Sanierung des Scheunenviertels ist ersichtlich, dass eine großflächige Beräumung des Gebiets geplant war.

Zuerst wurde das Kerngebiet des alten Scheunenviertels abgerissen, also der Bereich zwischen Grenadierstraße, Kleiner Alexanderstraße und Linienstraße im Norden. Die südliche Straßenseite der Hirtenstraße blieb erhalten, ebenso die Häuser Hirtenstraße 1 - 4. Auch die Häuser Nr. 6, 9, 10 und 11 blieben zunächst stehen, wurden dann aber, bis auf Haus Nr. 11, 1910/11 abgebrochen.
Nach der Beräumung des Gebiets wurden zwei neue Straßen angelegt, von der Hirtenstraße ausgehend, als Verlängerung der Kaiser-Wilhelm-Straße, eine Straße leicht nach links abgewinkelt (Amalienstraße, später Hankestraße) und eine Straße leicht nach rechts abgewinkelt (Weydingerstraße). Beide Straßen wurden über die Linienstraße hinaus bis zur Lothringer Straße durchgebrochen, so dass die Hankestraße bis zum Schönhauser Tor und die Weydingerstraße bis zum Prenzlauer Tor führten.
Der neu entstandene große dreieckige Platz bekam den Namen Babelsberger Platz. Er blieb viele Jahre unbebaut.
Die Koblankstraße entstand zwischen Lothringer Straße und Hankestraße neu. Der Teil zwischen Lothringer Straße (heute Torstraße) und Linienstraße heißt heute Zolastraße. Der Teil zwischen Linienstraße und Hankestraße wurde ab 1935 teilweise überbaut.

1910
Umbenennung des Babelsberger Platzes in Bülowplatz.

1913
Die Volksbühne in den 1930er Jahren Der erste Neubau im ehemaligen Scheunenviertel war die Volksbühne, die von 1913 bis 1914 nach Plänen des Architekten Oskar Kaufmann errichtet wurde. Eröffnung war am 30.12.1914.
Etwa zeitgleich wurde in der Hankestraße mit der Errichtung eines Wohn- und Geschäftshauses (heute Rosa-Luxemburg-Straße 39 - 41) begonnen.
Ebenfalls 1913 wurde der U-Bahnhof Schönauser Tor (heute Rosa-Luxemburg-Platz) eröffnet.

1920
Den Begriff „Die traurige Hirtenstraße“ kennt fast jeder, aber nur die wenigsten wissen, wo er herkommt.
Joseph Roth beschreibt die Hirtenstraße in seinem Buch „Juden auf Wanderschaft“ u. a. als langweilig und vororthaft:
„Die jüdischste aller Berliner Straßen ist die traurige Hirtenstraße.
So traurig ist keine Straße der Welt. Die Hirtenstraße hat nicht einmal die hoffnungslose Freudigkeit eines vegetativen Schmutzes. [...] Keine Straßenbahn durchfährt sie. Kein Autobus. Selten ein Automobil.“
[Joseph Roth: Juden auf Wanderschaft, Berlin: Verlag die Schmiede 1927]

Joseph Roth hat die Geschichten ca. 1920 geschrieben, das Buch wurde dann erst 1927 veröffentlicht.

1928
In den Jahren 1928 - 1929 wurde nach den Entwürfen des Architekten Hans Poelzig ein Wohnhausensemble in dem Straßendreieck Hirtenstraße, Kleine Alexanderstraße und Weydingerstraße errichtet. In der Hirtenstraße entstand das Kino Babylon, dessen Haupteingang sich in der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße 30 befindet. Eröffnung war am 11. April 1929 als Stummfilmkino. Die Wohnhäuser waren für die damalige Zeit sehr fortschrittlich. So gab es z. B. Zentralheizung und eine Tiefgarage. Die Zufahrt befindet sich in der Kleinen Alexanderstraße.

1933
Umbenennung des Bülowplatzes in Horst-Wessel-Platz.

1935
Um 1935 wurden die beiden Eckgrundstücke Kaiser-Wilhelm-Straße/Hirtenstraße bebaut. Das kleinere der beiden Eckhäuser umfasst die Hirtenstraße 13 und 14 sowie die Kaiser-Wilhelm-Straße 28 und 28a (heute Rosa-Luxemburg-Straße 25 und 27).
Das auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Kaiser-Wilhelm-Straße erbaute Haus umfasst die Hausnummern 26, 26a, 26b, 26c und 27 (heute Rosa-Luxemburg-Straße 22 - 28) und die Hausnummer 15 der Hirtenstraße. Auf einem Stadtplan von 1910 waren die bebauten Grundstücke der Kaiser-Wilhelm-Straße noch mit Buchstaben bezeichnet.

1936
1936 wurde der letzte große Neubaukomlex an der Hirtenstraße, Ecke Hankestraße, errichtet. Er umfasst die Hausnummern 7 - 10 der Hirtenstraße und die heutigen Hausnummern 31 - 37 der Rosa-Luxemburg-Straße. Dieses Gebäudeensemble hat eine Besonderheit: Es gibt keine Haustüren auf der Straßenseite. Die Häuser werden alle vom Hof aus erschlossen. Dafür gibt es in der Rosa-Luxemburg-Straße eine große Hofeinfahrt.

1945
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges war die Gegend um den Alexanderplatz weitgehend zerstört. Welche Zerstörungen es in der Hirtenstraße gab, konnte ich nicht genau ermitteln. Das Haus Nr. 18 blieb jedenfalls von Krigszerstörungen verschont.
In den Bezirken Mitte und Tiergarten waren über 50% der Wohnungen total zertört oder so schwer beschädigt, dass ein Wiederaufbau nicht sinnvoll erschien. Die Hirtenstraße war da bestimmt keine Ausnahme. Die Häuser 1, 2, 11 und 11A wurden dann auch abgerissen. Das Haus Nr. 11 befand sich auf der Nordseite der Hirtenstraße an der Ecke Grenadierstraße.
Nach dem Krieg wurde der Horst-Wessel-Platzes zunächst in Liebknechtplatz umbenannt.

1947
Umbenennung des Liebknechtplatzes in Luxemburgplatz und gleichzeitige Umbenennung der Kaiser-Wilhelm-Straße in Liebknechtstraße.

1948
Das Kino Babylon 1949 Nach Umbau Wiedereröffnung des Kino Babylon nach dem 2. Weltkrieg.

1952
In den Jahren 1952 bis 1954 wurde die Volksbühne am Luxemburgplatz nach schweren Kriegszerstörungen wiederaufgebaut.

1967
Ab Mitte der 1960er Jahre begann die Umgestaltung des Berliner Stadtzentrums. Dabei wurde das mittelalterliche Straßengefüge stark verändert. So wurde unter anderem die Liebknechtstraße nach rechts (zum Bahnhof Alexanderplatz hin) verschwenkt, und führt seit dem von der Dircksenstraße direkt zum Prenzlauer Tor. Die neue Unterführung unter der Stadtbahn befindet sich gut 50 m von der alten Trasse entfernt. Die Hirtenstraße verlor dadurch ihren Anfang. Die noch bestehenden Häuser Nr. 3 und 19 bis 23 wurden endgültig abgerissen. Die Bartelstraße wurde verkürzt und ist seit dem nur noch eine Stichstraße von der Weydingerstraße aus. Die Prenzlauer Straße verschwand gänzlich.

1969
Umbenennung des Luxemburgplatzes in Ros-Luxemburg-Platz und der Liebknechtstraße in Karl-Liebknecht-Straße.
Der Teil der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Straße, der von der Stadtbahn zur Hirtenstraße führte heißt jetzt Rosa-Luxemburg-Straße, die Hankestraße wurde ebenfalls in die Rosa-Luxemburg-Straße einbezogen.
Im Zuge der Beseitigung von Kriegsschäden und der Ersetzung der Altbausubstanz durch Neubauten sollte auch der Häuserblock Hirtenstraße 7 - 10 abgerissen werden. Wann man diesen Plan aufgegeben hat und sich doch für eine Sanierung entschieden hat, ist mir nicht bekannt.

1970
Von 1970 bis 1973 wird das Haus des Berliner Verlags in der Karl-Liebknecht-Straße errichtet. An der Ecke Hirtenstraße schließt sich ein Flachbau an. Dieser Flachbau wird zur Hirtenstraße 19. Heute befindet sich in diesem Flachbau ein Call-Center.

1985
Mitte der 1980er Jahre wurden die Häuser Hirtenstraße 16 bis 18 umfassend modernisiert. In die Wohnungen wurden Bäder eingebaut, die Zeiten mit der Toilette außerhalb der Wohnung waren endlich vorbei. Die Grundrisse der Wohnungen wurden dabei stark verändert. Leider wurden auch die schönen alten Wohnungstüren aus Holz durch einfache Pappmaché-Türen ersetzt. Durch die veränderten Grundrisse der Wohnungen sind die Wohnungstüren jetzt seitlich im Treppenhaus, wie in Neubauten. Die alten Wohnungstüren waren quer eingebaut. Unter anderen ist z. B. im Haus Hirtenstraße 16 in einer Erdgeschosswohnung noch eine alte Wohnungstür erhalten, wenn auch durch Farbe verunstaltet.

Ab Mitte der 1980er wurde auch damit begonnen, kriegsbedingte Baulücken mit Plattenbauten zu schließen. So entstanden an der Kreuzung Hirtenstraße Ecke Almstadtstraße mehrere Neubauten. Im Anschluss an das Haus Hirtenstraße 7 - 10 entstand das Haus Nr. 10A und als Eckhaus das Haus Almstadtstraße 38. Bei beiden Häusern wurde die Tradition fortgesetz, dass es keine Haustüren auf der Straßenseite gibt. Sie werden wie die Häuser Hirtenstraße 7 - 10 über den Hof erschlossen. Auf der anderen Straßenseite der Hirtenstraße wurden die Häuser 11A als Eckhaus und das Haus 11B als Anschluss an das Haus Nr. 12 errichtet. Diese beiden Häuser bestitzen nun wiederum Haustüren auf der Straßenseite.

Mit der Errichtung dieser Plattenbauten ist die Hirtenstraße wieder vollständig bebaut. Ob es jemals wieder ein Haus Hirtenstraße 3 geben wird ist ungewisss. Platz wäre jedenfalls. Zur Zeit stehen dort mehrere Kastanienbäume. Von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt wurde der Abriss der Neubauten in der Karl-Liebknecht-Straße von der Memhardstraße bis zur Linienstraße geplant. Der Baukomplex Karl-Liebknecht-Straße 31 und 33 ist sehr weit zurückgesetz, so dass, wenn dort neu gebaut werden würde, noch mehr Platz für neue Häuser in der Hirtenstraße entstehen würde.
Auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite würde reichlich Platz für neue Häuser Hirtenstraße 19 und 20 entstehen, wenn das Haus des Berliner Verlags abgerissen wird.

1996
Um 1996 wurde der gemeinsame Hof des Berliner Verlags, der Häuser Hirtenstraße 16 - 18 und der Rosa-Luxemburg-Straße 22 - 28 in eine riesige Baugrube verwandelt, dutzende alte Bäume wurden gefällt. Es wurde eine Tiefgarage für die neu zu erbauenden Häuser Kleine Alexanderstraße 5 - 12 erbaut. Da der Bauherr der Tiefgarage keine statischen Gutachten der umliegenden Häuser anfertigen ließ, traten erhebliche Schäden am Haus Hirtenstraße 18 und am Haus Rosa-Luxemburg-Straße 20 auf.
Der lange Zeit bestehende große Hof, teilweise als Parkplatz genutzt, wurde nach den alten Grundstücksgrenzen geteilt. Die Häuser in der Hirtenstraße bekamen nur einen kleinen Teil. Den größten Teil bekamen die neuen Häuser in der Kleinen Alexanderstraße, wobei die Häuser 5 - 7 selber Teil des Hofes wurden. Erbaut wurden die Häuser durch einen Kölner Investor, der den Berlinern Zille-nahes Wohnen ermöglichen wollte. Ein Eckhaus und ein Seitenflügel wurden dann aber aufgrund der beengten Verhältnisse doch nicht errichtet. So kommt es, dass das Vorderhaus in der Kleinen Alexanderstraße einen merkwürdigen Stumpf auf dem Hof hat, an dem der nicht erbaute Seitenflügel anschließen sollte.

1999
1999 wurden die Häuser Hirtenstraße 16 bis 18 abermals modernisiert. Die Bäder wurden gefliest, die bis dahin offenen Rohrleitungen wurden in einen Sammelschacht „verbannt“. Weiterhin wurden Schallschutzfenster eingebaut, Zentralheizung und eine zentrale Warmwasserversorgung installiert. Die angenehmste Veränderung ist wohl der Anbau von Balkonen auf der Hofseite.
1999 begann auch die Restaurierung des Kino Babylon, das 1993 wegen Einsturzgefahr geschlossen werden musste.